Diplom - Psychologin Sarah Willeke
In der heutigen digitalen Welt ist es nicht verwunderlich, dass psychologische Beratung und Coaching immer öfter im Online-Setting in Anspruch genommen werden - und das Interesse steigt weiter an. Dies liegt vor allem an der hohen Flexibilität und Anonymität, die zu den größten Vorteilen dieses Formats zählen. Aber sind die Interventionsangebote wirklich effektiv online umzusetzen? Sind psychologische Online-Beratung und Coaching genauso wirksam wie ihre Äquivalente in Präsenz?
Die formale Antwort darauf lautet zunächst: Ja, aber es kommt darauf an. Online-Beratung und -Coaching sind nicht vollkommen gleichzusetzen mit Präsenz-Angeboten. Essenziell ist hierbei vor allem die Abgrenzung zur Therapie, denn für akute psychische Krisen sind Beratungsangebote generell nicht die geeigneten Anlaufstellen (gerne auch noch einmal hier nachzulesen). Und obwohl Psychotherapie auch online angeboten wird (und Studien eine positive Wirksamkeit nahelegen), sollte eine psychotherapeutische Behandlung gemäß Bundespsychotherapeuten-kammer primär persönlich und in Präsenz stattfinden.
Es hängt also folglich vom jeweiligen Anliegen ab, ob psychologische Online-Beratung und -Coaching wirksam ist. Bei jedem Fall sollte individuell geprüft werden, ob die erforderliche und gewünschte Unterstützung geleistet werden kann. Ist dies zutreffend, d.h. eignet sich das jeweilige Problem für die Aufarbeitung im Online-Setting, kann nachweislich eine hohe Wirksamkeit erzielt werden.
Nicht nur Ratsuchende sind oftmals skeptisch, ob psychologische Beratung oder Coaching wirklich online funktionieren kann. Auch einige PsychologInnen selbst haben Zweifel, was die Wirksamkeit im Online-Setting anbelangt: Zu anonym, zu kompliziert, zu oberflächlich – das sind häufige Vorurteile gegenüber der Online-Beratung (und dem Coaching). Vor allem in Bezug auf den erfolgreichen Beziehungsaufbau, den viele aufgrund der physischen Distanz (weniger emotionale und körperliche Signale sichtbar) als erschwert ansehen, besteht Skepsis. Dies ist ein wichtiger Aspekt, da die Beziehung zwischen Coach bzw. BeraterIn und KlientIn eine zentrale Rolle für die Wirksamkeit der psychologischen Intervention spielt.
Empirische Befunde zeigen jedoch, dass es trotz Fehlens einer physischen Interaktion von Angesicht zu Angesicht nicht zu einer Entfremdung kommt. Wertschätzung, Respekt und Empathie (Kernwerte einer erfolgreichen Beratung) lassen sich online genauso vermitteln wie bei einer Präsenzberatung und die Beziehungen können die gleiche Qualität und Vertrauensbasis entwickeln. Wichtig ist, dass Beratende mit Sensibilität an das veränderte Setting herangehen und dementsprechend arbeiten. Die Beziehungen zwischen Beratenden und Ratsuchenden in Onlineberatungen werden sogar häufig als besser bewertet als in Präsenzberatungen, da sich die KlientInnen mehr offenbaren und weniger Hemmungen haben, über intime Themen und Probleme zu sprechen.
Die Hauptziele im Coachingprozess sind im Allgemeinen:
Die KlientInnen sollen eigene Ideen entwickeln und ihre Problemlöse-kompetenzen eigenständig erweitern, d.h. sie werden bei ihrem individuellen Problem unterstützt und dazu befähigt, selbst eine Lösung zu finden. Coaching zielt daher auf erhöhte Selbstwirksamkeit, Leistungsfähigkeit, Achtsamkeit und Reduzierung von Stress ab.
Die Bezeichnung „Coach“ ist allerdings nicht gesetzlich geschützt; im Prinzip kann sich jede/r so nennen. Zudem gibt es keine einheitlichen Qualitätsanforderungen und -standards für Coaching. Die Anzahl an Coachingansätzen und -methoden ist vielfältig und beinahe unüberschaubar. Dementsprechend ist es für diesen Bereich prinzipiell schwieriger, verlässliche Aussagen in Bezug auf die Effektivität zu treffen. Mittlerweile gibt es jedoch einige empirische Studien, die die Wirksamkeit von (Online-)Coaching belegen. Die am häufigsten angewandte Methode zur Wirksamkeitsüberprüfung ist die Ergebnisevaluation (Selbsteinschätzung) des Behandlungserfolgs durch Coaches und KlientInnen. Letztere werden befragt, ob sie das Gefühl haben, das Coaching habe gewirkt und ob sie sich jetzt besser, kompetenter und gestärkter fühlen als vorher. Die Coaches geben an, ob sie überzeugt sind, effektive Arbeit geleistet zu haben.
Als allgemeine Wirkfaktoren gelten die Ressourcenaktivierung, die Lösungsorientierung (diese wirkt positiv auf Selbstwirksamkeit und Zielerreichung) und die Zielfokussierung. Zentral ist auch hier die Beziehungsgestaltung zwischen Coach und Coachee: Eine nicht-wertende, ermutigende und verständnisvolle Interaktion erweist sich als besonders wirkungsvoll. Auf biologischer Ebene ergeben sich Effekte des Coachings, die mit einer neuronalen Aktivierung von bestimmten Gedanken, Gefühlen, Körperreaktionen und Verhaltensweisen einhergehen und so eine positive Erlebens- und Verhaltensänderung begünstigen.
Hinzu kommen spezifische Wirkfaktoren im Online-Coaching. Dazu zählen vor allem die erhöhte Selbstreflexion und Selbstoffenbarung: Durch die Anonymität und Kanalreduktion (weniger Informationen aus Sinneskanälen) fällt es KlientInnen leichter, sich anzuvertrauen, offener und ehrlicher zu sein, und sie haben weniger Angst vor negativen Rückmeldungen. Beim Online-Coaching befinden sich die KlientInnen zudem meist an einem ihnen vertrauten Platz (z.B. am Arbeitsplatz oder zuhause) und fühlen sich daher sicher. Sozial erwünschtes Verhalten und ein rollenkonformes Auftreten sind weniger wahrscheinlich, insbesondere wenn der visuelle Kanal (keine Kamera) nicht genutzt wird. Das Ablenkungsrisiko ist reduziert, was KlientInnen dabei hilft, sich in Ruhe auf den Coachingprozess zu fokussieren. Sie können dadurch ihren Entwicklungsweg beschleunigen und schneller zum Ziel kommen. Online-Coaching zeichnet sich daher durch eine Effizienz- und Effektivitätssteigerung aus.
Verschiedene internationale Studien belegen eine hohe Effektivität und Wirksamkeit von psychologischer Online-Beratung. Im deutschsprachigen Raum ergaben zudem sogenannte Akzeptanzstudien eine hohe subjektive Zufriedenheit der KlientInnen hinsichtlich Nutzen und Effekte der Beratung. Als Wirkfaktoren werden die Wechselwirkung von Anonymität, erhöhter Autonomie und Beziehung (zwischen BeraterIn und RatsucherIn) und das Schreiben an sich (bei E-Mail-Beratung) diskutiert.
Die Wirksamkeit von Interventionstechniken bei der E-Mail-Beratung im Speziellen wurde in einer Studie noch einmal gesondert untersucht (C. Eichenberg & J. Aden, 2015, Online-Beratung bei Partnerschaftskonflikten und psychosozialen Krisen: Multimethodale Evaluation eines E-Mail-Beratungsangebots). Es konnte aufgezeigt werden, dass insbesondere Fragen, direkte Ermunterungen, Lob, die Aufforderung, nochmals zu schreiben und die Beschreibung eines Zustandbildes die Zufriedenheit der KlientInnen und somit ebenfalls die (subjektive) Wirksamkeit positiv beeinflussen.
Als hinderlich für positive Effekte der Online-Beratung erweisen sich Ungeduld beim Warten auf eine Antwort, mangelnde Motivation aufseiten der KlientInnen und Schwierigkeiten beim Umgang mit der Technik, denn diese können Frustrationen und Stress verursachen. Geduld und Feingefühl vonseiten der Beratenden können diesen negativen Faktoren hierbei entgegenwirken.
Für die psychologische Online-Beratung liegen Wirksamkeitsnachweise vor, die nahelegen, dass dieses Angebot im Online-Setting den standortbasierten Angeboten in nichts nachsteht. Und die in den letzten Jahren deutlich zugenommene Coachingforschung belegt, dass dieses wirkt: Professionelles Online-Coaching hat inzwischen einen Reifegrad entwickelt, der seinen Einsatz als qualitätsgesichertes Vorgehen rechtfertigt. Formate, Konzepte und Methoden entwickeln sich weiter und werden wissenschaftlich erforscht.
Voraussetzung für die Wirksamkeit ist, dass auch tatsächlich fundiert ausgebildete Beratende und Coaches konsultiert werden (vor allem in Anbetracht des fast inflationär gebrauchten Begriffs des „Coaching“). Es empfiehlt sich, bei der Auswahl auf Zertifizierungen, Verbandszugehörigkeiten und entsprechende Aus- und Fortbildungen zu achten.
Im Hinblick auf zukünftige Entwicklungen wird die Bedeutung psychologischer Dienstleistungen im Online-Setting, in Anbetracht der steigenden Digitalisierung unserer Lebens- und Arbeitswelten, voraussichtlich noch weiter zunehmen.
Berninger-Schäfer, E. (2018). Online-Coaching. Springer.
Eichenberg, C. & Küsel, C. (2016). Zur Wirksamkeit von Online-Beratung und Online-Psychotherapie. Resonanzen, 4(2), 93–107.
Roth, G. & Ryba, A. (2016). Coaching, Beratung und Gehirn: Neurobiologische Grundlagen wirksamer Veränderungskonzepte. Klett-Cotta.
Schultze, N. G. (2007). Erfolgsfaktoren des virtuellen Settings in der psychologischen Internet-Beratung. e-beratungsjournal.net, 3(1), Artikel 5.
Dieser Beitrag ist in Zusammenarbeit mit Dorothee-Emanuela Gohr entstanden.
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